Gastbeitrag

Wissen ist Medizin – und Medikamente brauchen Erklärung, um zu wirken.

Jochen Niehaus; Leiter der Redaktionen von FOCUS-Gesundheit und FOCUS-Diabetes.

Mit Patienten über Gesundheit und Krankheit zu sprechen ist die Aufgabe der Ärzte. Doch oft bleiben für ein durchschnittliches Arztgespräch nur rund 15 Minuten. In diese knappe Zeit fallen die Schilderungen des Patienten über seine Beschwerden, die klinische Untersuchung und das Ausstellen des Rezeptes. Selbst ein optimal verlaufendes Arztgespräch hinterlässt zwangsläufig Fragen.

Bereits mehr als die Hälfte der Patienten suchen im Internet nach Antworten. Dr. Google verfügt über immenses Wissen zu sämtlichen Erkrankungen und seine Praxis ist rund um die Uhr geöffnet. Doch die unbegrenzte Verfügbarkeit medizinischer Informationen löst nicht die Probleme der Ratsuchenden: Verständlichkeit, Glaubwürdigkeit, Aktualität und wissenschaftliche Korrektheit der Angebote sind höchst unterschiedlich und für Laien kaum zu beurteilen.

Patienten im Internet sind in einer noch unübersichtlicheren Situation, wie vor 20 Jahren in der Bibliothek einer Medizin-Universität. Im Netz stapeln sich neben der Fachliteratur auch unzählige Einzelmeinungen, Werbeprospekte und Falschmeldungen. Neben den Ärzten, die ihre Patienten aufklären, kommt auch den Medien eine wichtige Rolle dabei zu, die Masse der Information einzuordnen und zielgruppengerecht zu präsentieren.

Medizinjournalisten sind gewissermaßen auch ärztlich tätig. Sie reduzieren Komplexität und vermitteln vertrauenswürdige und wahrheitsgemäße Informationen. Leser folgen ihrem Rat bei möglicherweise lebenswichtigen Entscheidungen. Wer mit Patienten über Chancen und Risiken einer Therapie spricht, muss sich dieser Verantwortung stellen. Medizin-Titelgeschichten, etwa in auflagenstarken Wochenzeitschriften, erreichen mehrere Millionen Leser. Das sind mehr potentielle Patienten, als ein Arzt in seinem gesamten Berufsleben berät.

Medizinjournalisten sind in dieser Sichtweise Ärzte, Pharmazeuten und Apotheker in einer Person. Denn Wissen ist Medizin und eine durch guten Rat initiierte Verhaltensänderung kann die Wirksamkeit von Medikamenten immens unterstützen. Ein durch einen überzeugenden Artikel ausgelöster Handlungsimpuls, etwa der Arztbesuch, markiert oft den Beginn des Heilungsprozesses. Damit Wissen wirken kann, muss Gesundheitsinformation schmackhaft verpackt und spannend präsentiert sein. Sonst wird sie nicht gelesen. Um an den Wirkort im Gehirn zu gelangen, sollte die Information leicht verdaulich, verständlich sein. Grafiken können dies erreichen. Als Wirkverstärker dienen Emotionen, die ein Magazin mit Patientenportraits und faszinierenden Bildern hervorruft. Die Fakten sind der Wirkstoff. Ihre Auswirkungen müssen durch Studien erwiesen sein, sonst überwiegen wahrscheinlich die Nebenwirkungen.

Jede Therapie ist erklärungsbedürftig. Ein Arzt, der Medikamente verschreibt, aber nicht die Möglichkeit hat, sie dem Patienten verständlich zu erklären, kann viele der auch beim Verum aktiven Placeboeffekte nicht nutzen. Die Wirksamkeit einer Medikation hängt von der korrekten und vor allem regelmäßigen Einnahme ab. Wenn Zweifel am Nutzen einer Pharmakotherapie bestehen, wird diese kaum lebenslang durchgehalten. Zu viele Medikamente landen wegen unzureichender Aufklärung im Müll.

Den Beipackzettel ins Netz zu stellen, reicht nicht aus. Die Galenik der Informationen aus Verständlichkeit, Emotionalität und Faktenreichtum muss stimmen. Online-Patientenbegleitprogramme, die sämtliche Fragen rund um eine Erkrankung beleuchten und die Patienten nachhaltig über den gesamten Krankheitsverlauf begleiten, sind gute Beispiele, wie Wissen und Medikamente sich in ihrer Wirkung ergänzen sollten.

zurück zur startseite

Weitere interessante Themen