Gastbeitrag

Nach der HIV-Diagnose: Wachstumsschmerzen

Die New York Times berichtete erstmals am 3. Juli 1981 über das Krankheitsbild AIDS. In jenen Tagen fehlte hierfür noch der Name. Es wurde lediglich als „seltener Krebs, der unter Homosexuellen vorkommt” umschrieben. Dahinter verbarg sich etwas, das in den folgenden Jahren vielen Menschen auf teilweise grausame Art das Leben kostete. Aus der schwulen Community schildern Mitglieder Zeiten, in denen der Briefkasten häufiger mit Einladungen zu Beerdigungen als Geburtstagspartys gefüllt war. Erst 1996, durch die Einführung sogenannter Kombinationstherapien, gelang die lang ersehnte Kehrtwende.

2009, im Alter von 20 Jahren, erhielt ich eine HIV-Diagnose. Die Frau im Gesundheitsamt, dessen Testangebot ich nutzte, vermittelte mich schnell weiter an einen HIV-Schwerpunktarzt. Dort erfuhr ich von den guten Therapiemöglichkeiten, die es mittlerweile gab. Außerdem sagte man mir, dass meine Lebenserwartung höchstwahrscheinlich ähnlich der einer „gesunden” Person ausfallen wird. „Die Infektion mit dem HI-Virus ist zwar immer noch nicht heilbar, aber AIDS wird bei Ihnen wahrscheinlich gar nicht ausbrechen”, lautete eine Aussage, die mir am meisten in Erinnerung blieb.

Die gesellschaftliche Entwicklung kann mit der medizinischen Entwicklung nicht mithalten

Es war eine Zeit, die mir zeigte, welche rasanten Fortschritte es medizinisch gegeben hatte. Freunde, die in der AIDS-Krise aufwuchsen, erzählten mir, damals wollten einige gar nicht wissen, wenn sie HIV-positiv sind. Was würde es schon ändern, außer zur Erkenntnis zu gelangen, bald sterben zu müssen? Heute ist es gut, seinen Status zu kennen. Nur so ist im Fall der Fälle eine Behandlung möglich.

Es war jedoch ebenfalls eine Zeit, die mir zeigte, wie wenig gesellschaftliche Entwicklung es gab. Jene kann schlichtweg nicht mit der medizinischen mithalten. Arbeitskollegen, die Körperkontakt mieden. Bekannte, welche nicht aus einer Flasche mit mir tranken. Damalige „Freunde”, die mich moralisch und menschlich abwerteten.

Mit Anfang 20 hat man das Leben noch vor sich. Auch mit der Diagnose HIV. Die erste eigene Wohnung. Erstmalig ernsthafte Beziehungsversuche. Die (Weiter)Entwicklung und Stärkung der Persönlichkeit. Dinge, die manchmal schon für sich genug Drama für eine Daily Soap bieten könnten. Zusätzlich fiel ich in ein Loch, das ich als akute Krise beschreiben würde. In meinem engeren Umfeld war aber niemand, der wirklich in der Lage war, mich aufzufangen. Im Gegenteil. Gefühlt musste ich eine Verteidigungshaltung einnehmen. Damit umgehen lernen, dass Freundschaften die Probe nicht bestanden, auf jene sie seinerzeit gestellt wurden. Klar denke ich heute, dann handelte es sich halt nicht um wahre Freunde. Traurig macht eine solche Veränderung natürlich dennoch. Beim Schreiben kommen auch Erinnerungen an mehr hoch. Arztbesuche, wo mir die Behandlung verweigert wurde. Ein Date, das mich bei Kerzenlicht alleine am Restauranttisch sitzen ließ, weil er sich „mit so jemandem eh nichts vorstellen könne”.

Das Internet war erst Anlaufpunkt und dann mein Raum zur Gestaltung

Woraufhin ich mich fragte, wer „so jemand” sein mag und was andere in meiner Situation erlebten. Aufgewachsen in der ersten „Generation Internet”, war das Netz mein Anlaufpunkt. Dort fand ich ältere Menschen, die alle schon viel länger mit HIV lebten und von ihren Erfahrungen berichteten. Das war einerseits teilweise hilfreich. Andrerseits befanden sie sich in einer ganz gegensätzlichen Lebenslage als ich. Somit unterschieden sich auch zum Teil Probleme und Ängste. Die daraufhin getroffene Entscheidung veränderte meinen Werdegang: Wenn die virtuelle Welt niemanden bietet, der sichtbar über sein Leben mit HIV spricht, dann mache ich es einfach.

 

Es folgten ein Blog und ein YouTube-Kanal, auf denen ich von Diskriminierung und Herausforderungen, aber genauso von positiven Überraschungen durch Mitmenschen erzählte. Mit der Zeit wurde ich politischer, arbeitete in und an Kampagnen mit. Aktuell schreibe ich erstmals an einem Buch, das sich rund ums Thema Selbstbewusstsein dreht. Ich entdeckte also einen Weg, selbst auszudrücken, wonach ich auf der Suche gewesen bin. Begleitet von reichlich Rückmeldungen, ebenso Fragen, von jungen und älteren Menschen mit und ohne HIV.

Es fehlt immer noch an virtuellen Angeboten

Eine andere Person (in jungem Alter), die mit Gesicht von sich berichtet, gibt es auch Jahre nach meinem Start nicht. Falls ich das lediglich nicht registriere, bitte ich um Entschuldigung. Dennoch wurde für mich, gerade aufgrund des Feedbacks, sehr klar, wie wichtig Austausch und authentische Schilderungen sind. Daher schätze ich die Angebote der „Positiventreffen” (welche es auch speziell für jüngere Leute gibt). Hier entsteht ein realer Dialog in geschützten Räumen zu verschiedenen Themen. Auch Buddy-Projekte, in denen länger mit HIV lebende Männer und Frauen frisch Diagnostizierte begleiten, sind eine gute Aussicht auf Unterstützung. Online hat sich, bis auf bekannte Beratungsangebote durch AIDS-Hilfen & Co., kaum etwas verändert. Richtige Foren, die mehr als eine Handvoll Mitglieder haben, sind aus meiner Sicht immer noch nicht wirklich vorhanden.

Vorbilder sollten nicht dazu führen, sich selbst aus den Augen zu verlieren

Diagnose und öffentliches Engagement sind für mich rückblickend der Umbruch in ein wortwörtlich „positiveres” Leben. Die Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen des Daseins wagte ich erst hierdurch. Authentizität und Sichtbarkeit wirkten lange bedrohlich auf mich. Wer sich unverstellt zeigt, eckt an und erfährt früher oder später Abweisung. Mittlerweile weiß ich, dass in jedem Risiko auch eine Chance liegt. In diesem Fall die Chance, Menschen so nah zu sein, wie es ohne den Mut zur glaubwürdigen Echtheit nicht möglich wäre.

Manchmal werde ich mit Komplimenten umschmeichelt, wie mutig ich sei und dass mein Umgang als Vorbild genommen werde. Den Schmerz, vermeintlich gescheitert zu sein, musste ich dennoch ebenfalls erfahren. Er war aber Grundlage für starkes Wachstum, das auch allen anderen widerfahren kann. Hier gebe ich gerne den Tipp, sich vor lauter Vorbildern nicht selbst aus den Augen zu verlieren. Wir vergessen zeitweise, was in uns steckt, nur weil wir woandershin, jedoch nicht auf uns schauen. Die Sichtweise zu wechseln, eröffnet wunderbare neue Perspektiven.

zurück zur startseite