Arzt-Patienten-Beziehung: Zeit schaffen für Gespräche

Uro-Onkologe Dr. Alwin Weber im Interview

„Dr. Google” hinterlässt seine Spuren: Je mehr ein Patient online zu Beschwerden und Krankheiten recherchiert, desto größer ist sein Bedürfnis nach Gesprächen mit dem Arzt. Das zeigt eine aktuelle Umfrage von forsa. Gleichzeitig ist der Zeitplan im Praxis-Alltag sehr eng getaktet. Zur Sprechstunde kommen beispielsweise OPs, Teamsitzungen oder notwendige Verwaltungsaufgaben sowie außerplanmäßige Hausbesuche hinzu. Da ist es eine Herausforderung, genügend Zeit für den Aufbau einer guten Arzt-Patienten-Beziehung zu finden und damit auch für ausführliche Gespräche mit den Patienten. Dr. Alwin Weber, Facharzt für Urologie und onkologisch verantwortlicher Arzt, hat sich dieser Herausforderung mit seinem Team gestellt. Wie ein gutes Arzt-Patienten-Verhältnis trotz engem Zeitplan möglich ist, lesen Sie hier. 

 

Herr Dr. Weber, wie wichtig ist für Sie die Arzt-Patienten-Beziehung, also die sprechende Medizin?

Eine gute Arzt-Patienten-Beziehung ist ein kostbares Gut. Hier geht es um Vertrauen, das oft über Jahre aufgebaut werden muss. Denn zur Kompetenz der Ärzte gehört ja mehr als das medizinische Wissen. Sie müssen Patienten und ihre individuellen Bedürfnisse auch richtig einschätzen, um sie optimal beraten zu können. Es braucht also eine gute Arzt-Patienten-Beziehung, um die Therapie möglichst positiv beeinflussen zu können.

 

Was brauchen Sie, um ausreichend Zeit für Ihre Patienten zu haben? 

Die richtigen Rahmenbedingungen muss vor allem ich als Arzt selber schaffen. Die betrieblichen Abläufe in meiner Praxis kann ich ja entsprechend gestalten. Wie jedes andere Wirtschafsunternehmen, lässt sich auch eine Praxis effizient organisieren - das ist eine wichtige Voraussetzung, um ausreichend Zeit für das Arzt-Patienten-Gespräch zu haben und um lange Wartezeiten oder Terminverschiebungen zu vermeiden. Gemeinsam mit meinen Mitarbeitern kann und muss ich die Prozesse in meinem Betrieb optimieren.

 

Was heißt das konkret?

Konkret geht es vor allem um Ressourcenplanung. Wir haben bei uns in der Praxis vor langem ein Schichtmodell eingeführt. Das heißt, wir bieten bestimmte Leistungen nicht mehr den ganzen Tag über an, weil das ineffizient ist. Stattdessen fokussieren wir uns vormittags zum Beispiel auf die Diagnostik. Dafür planen wir das notwendige Personal und die Räume ein. Diese sind so auch entsprechend gut ausgelastet. Am Nachmittag nehmen wir uns dann die Zeit, mit jedem Patienten ein ausführliches Arzt-Patienten-Gespräch zu führen.

Zwar bedeutet das, dass unsere Patienten einen zweiten Termin wahrnehmen. Dafür wissen diese aber, dass der Termin am Vormittag auch zum vereinbarten Zeitpunkt stattfindet und uns am Nachmittag ausreichend Zeit für ein ausführlicheres Arzt-Patienten-Gespräch zur Verfügung steht. Hier besprechen wir Ergebnisse und Therapiemöglichkeiten und klären offene Fragen. Das zeigt, dass sich sprechende Medizin und Wirtschaftlichkeit nicht ausschließen, sondern einander sogar bedingen.

 

Haben Patienten heute mehr Gesprächsbedarf als früher?

Aufgrund der Fülle von leicht zugänglichen Informationen im Internet sind Patienten heute oft informierter als früher. Andererseits entsteht genau deshalb häufig ein vergleichsweise höherer Redebedarf. Denn der Arzt als Experte muss diese Informationen einordnen und die Fragen seiner Patienten dazu beantworten. Um dem Gesprächsbedarf unserer Patienten gerecht zu werden, bieten wir in unserer Praxis einen sogenannten Patientencoach an. Unser Praxispersonal ist so geschult, dass sie Patienten bestimmte Fragen direkt beantworten oder die richtigen weiterführenden Informationen empfehlen. Dadurch bleibt mir mehr Zeit für die Arzt-Patienten-Kommunikation, d.h. solche Fragen meiner Patienten zu beantworten, bei denen es vor allem auf meine ärztliche Expertise ankommt.

 

Wer als Laie im Internet zu bestimmten Erkrankungen recherchiert, bekommt es teilweise mit der Angst zu tun. Selbst bei vergleichsweise harmlosen Beschwerden entsteht schnell der Eindruck, es ginge um Leben und Tod. Ist es da für Sie als behandelnder Arzt hilfreich, wenn Ihre Patienten „Dr. Google” konsultieren?

Vor etwa zehn Jahren hat sich ein regelrechter Hype entwickelt - viele Patienten haben damals angefangen, sich sehr umfangreich online zu informieren. Grundsätzlich ist es gut und wichtig, dass Patienten informiert sind, um Therapiemöglichkeiten auf Augenhöhe mit dem behandelnden Arzt besprechen zu können. Die kostbare Zeit für die Arzt-Patienten-Kommunikation soll mein Patient schließlich so gut wie möglich nutzen. Gleichzeitig ist es schwierig als Laie, verlässliche Quellen und passende Informationen aus dem Netz zu erhalten.

Mein Fachbereich - die Urologie - ist da im Internet schon vergleichsweise gut aufgestellt. Ich gebe meinen Patienten zum Beispiel einen Zugang zu einer Plattform im Netz, auf der Ärzte Informationen für Patienten bereitstellen und diese regelmäßig aktualisieren. Über diese Plattform erhalten unsere Patienten abhängig vom Stadium ihrer Erkrankung genau die Informationen, die sie in ihrer jeweiligen Situation benötigen. Diese Informationen bilden für meine Patienten eine gute Grundlage und damit insgesamt für eine gute Arzt-Patienten-Beziehung.

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